Kohl liefert reichlich Vitamine und wertvolle Mineral- und Pflanzenstoffe. Zudem gewährleistet er auch in der kalten Jahreszeit eine saisonale und nachhaltige Ernährung. Wie er sich richtig lecker zubereiten lässt, zeigt die Inhaberin einer Berliner Biokochschule.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Text: Stephanie Eichler
Brigitte Karbe reicht mir ein Messer. „Möchten Sie sich beteiligen?“, fragt sie. Ich soll Spitzkohl in feine Streifen schneiden und dabei auch den recht weichen Kern nicht vergessen, er kann mitgegessen werden, erläutert die Heilpraktikerin, die 2012 in Berlin-Kladow eine Biokochschule gründete. In einer großen, gut ausgestatteten Küche bereitet sie mit kleinen Gruppen gesunde Mahlzeiten zu. In den Regalen stehen Gläser mit Kräutern und Gewürzen, auf der Arbeitsfläche liegen Kohlrabi, Brokkoli und Spitzkohl, alles Kohlsorten, die zur Familie der Kreuzblütler (Brassicaceae) gehören. Zuerst wenden wir uns dem Spitzkohl zu, wie Weißkohl hat er glatte, hellgrüne Blätter, doch er läuft nach oben spitz zu. Und es gibt noch einen Unterschied: Spitzkohl ist milder als Weißkohl und von daher leichter verdaulich.
„Je feiner Sie den Kohl schneiden, desto schneller wird er gar“, rät mir Brigitte Karbe an. Zum Verfeinern der Gerichte stellt sie ihren Kochschülern im Sommer je nach der Thematik ihres Kochkurses Rosenblütenblätter oder Wildkräuter aus ihrem Garten zur Verfügung, im Winter gibt es ein selbst hergestelltes Wildkräutersalz. Der Spitzkohl lässt sich mit getrockneten Gartenkräutern wie Petersilie, Estragon und Korianderblättern würzen. Doch heute will mir Brigitte Karbe zeigen, wie er mit Koriander, Kümmel, Kreuzkümmel und Schwarzkümmel schmeckt.
Besonders in der kalten Jahreszeit spielt Kohl laut Karbe seine Stärken aus: Viele Sorten vertragen leichten Frost und wachsen fast ganzjährig im Freiland, lassen sich gut lagern und liefern zugleich viele Vitamine und Mineralstoffe, also genau jene Nährstoffe, die Menschen heute im Winter meist mit Obst und Gemüse zu sich nehmen, das über weite Strecken importiert wird. Dabei können Kohlsorten wie Grünkohl, Weißkohl, Rotkohl, Wirsing und Rosenkohl eine heimische Alternative zu Orangen und Tomaten sein.
Im norwegischen Dovrefjell können Reisende Moschusochsen in freier Wildbahn erleben. Erfahrene Guides ermöglichen beeindruckende Begegnungen mit den zotteligen…
Auch in der New Nordic Diet gehört Kohl fest auf den Speiseplan. Ernährungsexperten und -expertinnen haben die Ernährungsform als nordisches Pendant der Mittelmeerdiät entwickelt. Als Inspirationsquelle dienten die regionalen Küchen Finnlands, Schwedens, Norwegens, Dänemarks und Islands, wichtig waren zudem die Prinzipien Nachhaltigkeit und Genuss. Die pflanzliche Seite dieser Kost umfasst Vollkorngetreide (Roggen, Hafer, Gerste), Kohl, Wurzelgemüse, Kartoffeln und heimische Beeren. Studien zeigen, dass die New Nordic Diet genauso gesund ist wie die mediterrane Ernährungsweise.
Dass Forschende insbesondere empfehlen, regelmäßig Kohl zu essen, liegt nicht zuletzt an einer ganz besonderen Klasse von Stoffen: Die runden oder spitzen Köpfe mit glatten oder krausen Blättern liefern Senföle, die positive Wirkungen auf unseren Körper haben. So können sie das Wachstum von Bakterien bremsen und entzündungshemmend wirken. Gerade in der kalten Jahreszeit ist das ein großes Plus. Doch damit Kohl häufiger auf dem Teller landet, müssen die Gerichte gut schmecken und abwechslungsreich sein. Kursleiterin Brigitte Karbe weiß, wie das gelingt.
Vitamine und Mineralstoffe
„Sie können eine Zwiebel schälen und fein würfeln, das wäre super“, sagt sie, bürstet zwei Möhren sauber und schneidet sie in feine Rondelle. Die Scheibchen steuern Würze, Süße und etwas Farbe zum Kohlgericht bei, zudem Vitamine, über die der Kohl jedoch auch selbst verfügt. Wer Kohl isst, nimmt viel Vitamin C zu sich. Dieses unterstützt das Immunsystem, die Bildung von Kollagen – wichtig für Haut, Blutgefäße und Knochen – sowie die Wundheilung. Zudem trägt es dazu bei, dass der Körper Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln besser aufnehmen kann. Weil Vitamin C wasserlöslich ist und vom Körper nicht lange gespeichert wird, sollte es regelmäßig über die Ernährung aufgenommen werden.
Weiß- und Spitzkohl liefern auch viel Vitamin K, das eine wichtige Rolle bei der Blutgerinnung und für die Knochengesundheit spielt. Grünkohl und Wirsing hingegen sind besonders gute Lieferanten von Vitamin A, das Menschen für den Sehvorgang benötigen. Fehlt es, kann sich Nachtblindheit entwickeln. Vitamin A und K sind fettlösliche Vitamine, deshalb empfiehlt Franziska Hanschen vom Leibniz-Institut für Gartenbauwissenschaften (IGZ), den Bedarf über die Nahrung zu decken und nicht über Nahrungsergänzungsmittel, die häufig in zu großer Dosierung eingenommen werden.
Während überschüssige wasserlösliche Vitamine über den Urin ausgeschieden werden können, geht dies bei fettlöslichen Vitaminen nicht. „Insbesondere von Vitamin A lagern sich Überschüsse in der Leber ein und können zu Schädigungen führen“, warnt die Expertin. Bei einer Ernährung mit viel Kohl hingegen wird der Körper optimal versorgt. Das gilt sogar dann, wenn jeden Tag Kohl auf den Teller kommt. Eine Vitamin-Überdosierung ist nicht zu befürchten, so Hanschen, die seit über 13 Jahren Kohl erforscht.
Kohl zeichnet sich zudem durch einen hohen Gehalt an Kalium und Magnesium aus und liefert nennenswerte Mengen an Eisen, Zink, Mangan, Kupfer und Calcium. Generell sind Menschen in Deutschland zwar mit Vitaminen und Mineralstoffen gut versorgt, speziell bei Calcium deuten Erhebungen darauf hin, dass im Durchschnitt weniger aufgenommen wird, als die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt. Regelmäßiger Kohlverzehr kann dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. Alle Kohlsorten, insbesondere Grünkohl, sind eine gute Calciumquelle und unterstützen Knochen und Zähne sowie Muskeln und Nerven.
Wie Kohl leichter verdaulich wird
Karbe greift nach ein paar kleinen Gläsern in ihrem riesigen Gewürzregal. Darin bewahrt sie verschiedene Kümmelarten auf. „Es ist wichtig, die Gewürze vor dem Kochen zusammenzustellen“, sagt sie, „damit sie parat stehen, wenn sie gebraucht werden.“
Kohl enthält Ballaststoffe, die die Verdauung fördern und den Darm gesund halten. Doch einige der Fasern und Zuckerverbindungen kann der Dünndarm nicht vollständig verdauen, deshalb gelangen sie in den Dickdarm, wo sie von Darmbakterien abgebaut werden. Dabei entstehen Gase, die Blähungen und Bauchschmerzen verursachen können. Wird Kohl gekocht, ist er leichter verdaulich, weil seine Zellwände weicher werden. Auch die verschiedenen Kümmelarten aus Karbes Küche machen Kohl bekömmlicher. Sie enthalten Kümmelöl, das die Darmmuskulatur entspannt, Blähungen und Schmerzen lindert.
„Wer es einfach halten möchte, kann das Gericht nur mit Kreuzkümmel oder Kümmel und Schwarzkümmel würzen“, sagt Karbe. Sie selbst mischt auf einem Teller je einen Teelöffel von allen drei Gewürzen. „Die Samen bleiben ganz“, betont sie. Koriandersamen zerreibt Karbe dagegen im Steinmörser. Auch sie landen auf dem Teller sowie fein gehackte frische Kurkumawurzel. „Jetzt wird angeröstet“, sagt sie.
Sie gibt etwas Ghee, also möglichst reines Butterfett, in einen gusseisernen Topf. Da Ghee frei von Wasser, Milcheiweiß und Milchzucker ist, verbrennt es nicht so schnell wie herkömmliche Butter und spritzt beim Braten nicht. Sie brät die Zwiebel an und mischt die Gewürze unter. „Gut umrühren!“, fordert sie mich auf und lässt Spitzkohl und Möhren in den Topf plumpsen. „Nun kräftiger umrühren“, sagt Karbe. Schließlich kommt der Deckel drauf.
Die Vielfalt der Kohlgerichte
Doch Kohl schmeckt nicht nur gekocht. Auch roh ist er genießbar, wie mir Brigitte Karbe später zeigen wird. Zudem mögen viele Deutsche Kohl auch fermentiert, nicht nur als Sauerkraut, sondern auch als Kimchi. Die Speise mit der angenehm frischen Säure stammt aus Korea und besteht aus Chinakohl, Salz, Gewürzen wie Knoblauch, Ingwer und Chili. Milchsäurebakterien, die von Natur aus auf den Zutaten sitzen, verwandeln Zucker in Milchsäure. Studien zeigen, dass solche fermentierten Lebensmittel gut sind für den Darm.
Generell zeigt ein Blick in die Küchen ferner Länder, dass der Vielfalt der Kohlgerichte kaum Grenzen gesetzt sind. Für die Grundmasse des japanischen Okonomiyaki etwa wird fein geschnittener Weißkohl mit einer dünnen Masse aus Mehl, Ei und Brühe vermischt, als Pfannkuchen gebraten und mit würziger Soße, Mayonnaise und Nori-Algen gekrönt. Üblicherweise werden noch getrocknete Thunfischflocken über das Gericht gestreut. Henning Lühr, ehemaliger Staatsrat aus Bremen, wo traditionell viel Grünkohl gegessen wird, hat gemeinsam mit dem Koch Jan Janning ein internationales Grünkohl-Kochbuch mit Rezepten aus 27 Ländern zusammengestellt. Darin finden sich unter anderem Grünkohlsalat aus Dänemark, Grünkohlstrudel aus Griechenland, Pasta mit Grünkohlpesto und Pecorino aus Italien sowie ein Fisch-Grünkohl-Gericht aus den Vereinigten Staaten. Kohl ist alles andere als altbacken und viel mehr als der klassische Rotkohl zur Weihnachtsgans, auch wenn der natürlich ebenfalls sehr lecker sein kann.
Während der Spitzkohl auf dem Herd langsam weich wird, geht es nun an die Zubereitung von Kohlrabisalat. Diese Kohlsorte ist schon in rohem Zustand gut verdaulich. Fachleute wie Franziska Hanschen empfehlen, Kohl ab und zu roh zu essen, um dem Körper wertvolle Senföle zuzuführen. Sie sind nicht als solche im Kohl enthalten, sondern liegen als Vorstufen (Glucosinolate) davon vor, und zwar in allen Kohlsorten. Die Stoffe dienen der Pflanze als Schutz vor Fressfeinden. „Wird Kohl von einer Raupe angeknabbert, beschädigt sie die Pflanzenzelle“, erläutert Franziska Hanschen. „Dadurch kommt das pflanzeneigene Enzym Myrosinase mit dem sekundären Pflanzenstoff Glucosinolat in Kontakt und bildet Senföl.“ Durch seinen bitteren Geschmack wehrt es die Raupe ab.
Auf den Menschen allerdings wirkt es sich gesundheitsfördernd aus und kann vor Erkältungen schützen. Studien zeigen, dass Menschen, die viel Kohl essen, sogar ein vermindertes Risiko haben, an Magen-Darm-Krebs oder Prostatakrebs zu erkranken. Wird roher Kohl gut gekaut, spaltet das pflanzeneigene Enzym Myrosinase einen Großteil der Glucosinolate bereits in Mund und Magen auf. Die entstehenden Senföle werden dann schnell im oberen Magen-Darm-Trakt aufgenommen.
Hanschen hat die Bildung der Senföle im Labor untersucht. „Dazu haben wir Kohl ganz stark zerkleinert und das Ganze eine Stunde lang stehen gelassen“, sagt sie. Die Forscherin beobachtete, dass sich durch das Homogenisieren nicht nur Senföle bilden. Im Kohl liegen noch weitere Enzyme vor, die beeinflussen, was aus Glucosinolat entsteht. „Aus einem Molekül Glucosinolat entstehen beim Verzehr des rohen Kohls vielleicht nur 20 Prozent Senföl“, erklärt die Fachfrau. „Die anderen 80 Prozent werden oft zu anderen Stoffen abgebaut.“
Der Anteil des erwünschten Senföls lässt sich aber steigern. Es gibt einen einfachen Trick, der sich in jeder Küche umsetzen lässt: „Wenn wir den Kohl etwas ansäuern, können wir die Bildung dieser anderen Abbauprodukte verhindern und den Anteil des Senföls vergrößern“, erläutert die Fachfrau. Zum Ansäuern nehme man zum Beispiel den Saft einer Zitrone.
In der Bio-Kochschule presst Brigitte Karbe den Saft mit einer Handpresse aus. Ihr selbst ist bei der Zubereitung von Rohkostsalat noch eine andere Wirkung der Säure wichtig: „Ohne Säure oxidiert geriebenes Gemüse schnell und wird braun“, sagt Karbe. Auch das bereitgestellte Olivenöl trägt dazu bei, Oxidation zu verhindern, indem es eine Barriere zum Sauerstoff herstellt. „Deshalb empfehle ich, immer zuerst die Salatsoße zuzubereiten.“
Für mehr Abwechslung an den Geschmacksknospen rühren wir gleich zwei Vinaigretten an. Die Basis ist bei beiden dieselbe: Zitronensaft, Senf, Apfelessig, Salz, Pfeffer und Olivenöl. Für die eine Variante verfeinert Karbe das Dressing mit Buttermilch, die andere bekommt mit einem Löffel Ahornsirup, etwas Apfeldicksaft und einem geriebenen Apfel eine süßliche Note. Zum Schluss fügt die Köchin vorbereitete fein geschnittene Lauchzwiebeln und geröstete Sonnenblumenkerne dazu. Auch Haselnüsse würden gut passen. Und natürlich kosten wir unsere Speisen auch: Das Spitzkohlgemüse schmeckt fein und würzig. Pasta, Reis, Couscous, Gnocchi oder Kartoffeln würden gleichermaßen gut dazu passen.
Mein Favorit ist aber der Kohlrabisalat mit Ahornsirup und Apfeldicksaft. Er vereint alles, was sich der Gaumen wünschen kann: Süße, Säure und Salziges. Auch bei den Konsistenzen hat er viel zu bieten: Fein geschnittene Äpfel und Kohlrabi bilden einen angenehmen Kontrast zu den knackigen Sonnenblumenkernen. Einfach lecker! //
Stephanie Eichler
mag Gemüse frisch vom Feld, auch Kohl gehört dazu. Sie improvisiert mit Zutaten, liest aber auch Rezepte. Manchmal merkt sie sich sogar was. In jedem Kopf steckt eben mehr als nur Gemüse.
Erde & Umwelt
Immer der Nase nach
23. Oktober 2026
Trüffeln sind seltene Exoten? Nicht unbedingt. Gourmets kommen auch im Ahrtal auf den Geschmack und lernen, wie der Anbau der mysteriösen Köstlichkeiten selbst…
natur PlusErde & Umwelt
Dem Wolf auf den Fersen
23. Oktober 2026
Ob Haare, Blut oder Kot – solche Spuren geben Wissenschaftlern Aufschluss über das Leben von Wölfen und ihren Einfluss auf das Ökosystem. Eine Suche im…
Erde & Umwelt
UN-Biodiversitätsgipfel: Wie steht es um den Schutz der Artenvielfalt?
20. Oktober 2026
Zurzeit findet in Armenien die 17. UN-Biodiversitätskonferenz statt. Die Staaten beraten, wie der Artenschutz gelingen kann. Auch Deutschland steht in der…